Die Gretchenfrage

Die Gretchenfrage

  Wie hältst Du`s mit der Religion?“, fragt Gretchen Goethes Faust nach seiner Haltung. An  eine solche Art von Diskussion kann heute die Diskussion über die Haltung des Pferdes erinnern. Vorwärts-abwärts- oder lieber nicht? Stellung und Beizäumung oder möglichst gar keine Einwirkung mit dem Zügel? Was ist im Sinne das Pferdes? Oftmals geht es bei diesen Diskussionen eher um eine mentale Haltung des Menschen als eine sinnvolle Haltung des Pferdes.

 

Wenn wir Pferde ausbilden, dann muss unser oberstes Ziel sein, dem Pferd Balance zu verschaffen. So viel , dass es sich selber tragen lernen kann, damit man es dann vielleicht sogar noch mit zusätzlichem Reitergewicht belasten kann, ohne ihm zu schaden, was zum Beispiel auf der  für das Pferd unnatürlichen Kreisbahn noch schwerer  für das Lauftier Pferd wird.

 


Die Arbeit um einen Pilaren herum war Bestandteil der Ausbildung des Pferdes seit der Renaissance. Das Pferd lernt so, sich auf der Kreisbahn zu tragen.



Balance hat , wenn man so will, einen Zwilling: die Haltung. Während Balance, mentaler und körperlicher Art,  das ist, was sich im „Innen“ abspielt, ist Haltung der Spiegel dieses Gefühls, was wir äußerlich sehen.

 

Das Problem mit der richtigen Haltung des Pferdes beschäftigt Reiter schon seit vielen Jahrhunderte.  Schon Grisone , der Gründer der ersten ‚Ritterakademie Europas in Neapel beobachtet in seinen Gli ordini die Cavalcare ( 1551) , dass das Pferd dann am stabilsten tragen kann und so für sich selber, aber auch den Reiter bequem zu sitzen wird, wenn das Pferd sich beizäumt:“ Wenn es aber die Nase unten trägt an ihrem richtigen Platz trägt und mit der Stirn den Gegner zu verletzen sich anschickt, wird es von Stunde zu Stunde den Rücken verstärken , wird es eine Stütze hinter sich haben und immer bei jedem Tritt  seine ganze Kraft  zusammennehmen, woher ihm Leichtigkeit und große Stärke zufließt und große Behändigkeit im Tun.“ Grisone bringt also Rückentätigkeit, Tragkraft , Arbeit in einem Rahmen – kurz Haltung- mit gesundem Tragen  und anmutigem Bewegen zusammen.

 


Beizäumung entsteht durch Rückentätigkeit, nicht andersherum.


Die Einwirkung der Hand des Menschen ist eine ganz wichtige Komponente in der gemeinsamen „Sprache Reitkunst“ zwischen Mensch und Pferd. Die Wirkung der Parade, dem „ halben HALTen, ganzen HALTen oder sogar SchulHALT  ist eins der effektivesten Mittel zur Balanceschulung des Pferdes. Aber: während wir als Greiflinge uns gerne alles mit den Händen formen wollen, ist nichts für das Pferd oft störender. Ist es dann eine Alternative, die Hand überhaupt nicht mehr einzusetzen? Wäre das nicht die logische Konsequenz?

 

Leider nein, denn ein Zusammenhang zwischen Haltung und Handeinwirkung ist nicht zu leugnen. Xenophon erklärt schon vor 2400 Jahren Folgendes: „ Wenn man das Pferd mit dem Zügel durchhält ( lege besser: führt) , während es die Hinterhand nach vorn untersetzt, so beugt es die Hanken, die Vorhand aber erhebt es in die Höhe, so dass den Gegenüberstehenden Bauch und Schamteile ( man ritt damals ausschließlich Hengste) sichtbar werden. Man muss aber auch, wenn es dies tut, ihm den Zügel nachgeben, damit es das, womit es sich aus freiem Willen am schönsten fühle zeigt, auch dem Zuschauer sichtbar wird."- das Gefühl wird zur Haltung, die Haltung, unterstützt von den Hilfen des Reiters,  zum Spiegelbild des Gefühls des Pferdes.

 


Die Arbeit mit der Parade kann dem Pferd helfen, zu mehr Balance zu kommen.


 Nun ist es mit der Haltung so, dass sie eben nur dann nachHALTig ist, wenn sie InHALT hat. Eine Haltung, die von außen gegeben wird, kann, ähnlich einem Stützkorsett zwar zuerst Erleichterung schaffen, letztlich muss die gesunde Haltung aber von innen kommen, um geHALTvoll zu sein. Sie ist das sichtbare Ergebnis der Balance, des Empfindens des Individuums. Alles, was dann von außen manipuliert wird ( lat.: cum mano pellere- mit der Hand ziehen)  , kann nur dann übernommen werden, wenn man sich damit identifizieren kann, wenn die von außen vorgegebene Haltung authentisch ist.  Xenophon weiß dazu: „Denn was ein Pferd gezwungen tut, das versteht es nicht.wie auch schon Simon gesagt hat. Es ist auch nicht schön, ebenso wenig , wie man einen Tänzer anpeitscht oder sporniert. Denn eher wird ein Pferd, wie ein Mensch, bei solche Behandlung etwas schlecht machen, als es richtig ausführen. “

 


Die " emotionale Anbindung" ist wichtig für das nachhaltige Lernen: nur dann, wenn das Pferd von sich aus will, kann man es schulen. Nutzen kann man es auch gegen seinen Willen- das ist allerdings in heutigen Zeiten absolut unethisch, weil unnötig.



Hier kommen wir zu dem eng mit der Haltung verwandten Standpunkt. Von Holleuffer sagt: „Das Verweilen ( des Pferdehufes am Boden)ist ein sehr wichtiger Moment, dessen Dauer der Reiter durch die Dressur in seine Gewalt bekommen muss, in dieser Dauer liegt die Haltung des Pferdes. “Tritt dasselbe ohne Aufenthalt sofort weiter, so besteht kein Halten am Erdboden, keine Haltung, es eilt vorwärts oder es übereilt sich. Die Haltung ist am vollkommensten, wenn während derselben die Hanken- und Sprunggelenke in spitzem Winkel sich beugen, die Fesselgelenke sich rückwärts-abwärts senken und die Kruppe niedriger wird.“

 

Ohne Standpunkt also keine Haltung. Auch hier ist es in der Pferdeausbildung wir im restlichen Leben: wo ist mein Standpunkt? Werde ich auf diesem steif, verharre ich darauf, werde ich dogmatisch und unbeugsam? Das passiert vielen Pferden, die ihren Standpunkt allzu oft verteidigen müssen, weil sie vom Menschen aus der Balance gebracht werden. Steifsein ist immer das Resultat von Verteidigung, verteidigen muss sich aber nur der, der sich bedroht fühlt. Bedroht fühlt sich der, der durch das Agieren des Gegenübers Angst bekommt. Lasse ich meinem Gegenüber seinen Standpunkt, dann braucht es sich nicht verteidigen, es entsteht ein Dialog auf Augenhöhe.

 


Zu viel! Das rechter Hinterbein kann eine solche Bewegung nicht schaffen, das Pferd kommt aus der Balance und muss kompensieren.

Besser: in einem echten Seitengang fallen die Beine des Pferdes lotrecht zu Boden. So kann es seine gesamte Kraft nutzen, um sich zu tragen.



Doch wie entsteht ein Standpunkt oder eine Meinung? Um sich austauschen zu können, ist es unabdinglich, zwischen einem objektiven Sachverhalt und einem persönlichen Empfinden zu unterschieden. Während jeder jede Meinung haben kann und darf und seine persönlichen Erfahrungen mitteilen kann, fällt es Vielen schwer, objektiv zu sein. Um objektiv zu sein muss ich mehr als einen Blickwinkel kennen, ein Objekt zu observieren. Ich muss die Standpunkte anderer schätzen lernen und interessant finden können, ohne sie zu werten. Man muss sich also so verHALTen lernen, dass Raum auch für andere Meinungen ist. Auch im Zusammensein mit dem Pferd muss Raum für diesen anderen Standpunkt sein. Wenn ich dem Pferd eine Bewegungsaufgabe stelle, also eine Frage in unserem Dialog formuliere, dann ist jede Antwort drauf erst einmal interessant. Erst wenn ich beginne, eine Wertung, Absicht oder einen emotionalen Bezug auf mich herzustellen, dann gibt es ein „richtig“ oder „falsch“. Dann kann ich mich bedroht fühlen, habe Sorge oder Angst um meinen Standpunkt. Sehe ich die Handlung meines Pferdes als eigenen Standpunkt, setzte ich mich in das rechte VerHÄLTnis dazu, dann kann ich lernen, den Standpunkt meines Pferdes respektieren lernen. So bilden sich bei uns beiden Meinungen, es bildet sich eine innere Haltung zu einer Sache. Ich muss lernen auszuHALTen, dass meine Haltung zu bestimmten Dinge nicht automatisch die selbe Haltung bei meinem Pferd ist . Das fällt vielen Pferdebesitzern heute sehr schwer.

 


Eine Arbeit von zwei Standpunkten aus: die Hand des Menschen muss ebenso kultiviert werden wie das Hilfenverständnis des Pferdes.


Mit der Haltung ist es aber auch oft so, dass viel zu früh, auch von sich selber, etwas angestrebt wird, was noch nicht funktionieren kann. So ist es im Leben, aber auch der Pferdeausbildung so, dass eine Haltung immer einen inneren Prozess spiegeln muss, der gelebte und erfahrene InHALTE hat. Hier ist Reflexion gefragt: was hat sich im Ton oder dem Verlauf des Gesprächs verändert, wenn ich von meinem Standpunkt aus anders agiert habe? War ich aufrecht, habe ich mich verbogen, bin ich in eine Schieflage geraten, habe ich Rückgrat gezeigt?

 

Stimmt meine SelbstHALTung mit meinem Selbstbild überein?

 

Wie können wir von einem jungen Pferd eine Selbsthaltung erwarten, die dem eines erwachsenen , selbstbewußten Pferd, vielleicht sogar mit Führungsposition in der Herde entspricht? So ein Gedanke kann nur dazu führen, Selbstbild und Selbsthaltung des Pferdes voneinander zu separieren. Ist mein Pferd mental stark genug für eine Selbsthaltung? Und wie sieht diese dann aus? Auch das ist eine interessante Information über die Selbsteinschätzung des Pferdes zum Thema Balance und eigener Mitte.

 

Gibt man nun dem Pferd, das noch nicht so weit ist, sei es durch Ausbildung oder Lebensreife, mit dem Zügel eine GebrauchsHALTung vor, dann muss man sich die Frage stellen, ob das eine Haltung ist, die das Pferd gerade gebrauchen kann oder in der der Reiter das Pferd einfacher gebrauchen kann, weil es mit der Schwerpunktsverschiebung im gesamten Körper der von außen gegebenen Haltung gar nicht folgen kann. Hier handelt es sich nicht simpel um ein höher oder tiefer Tragen von Hals und Kopf, sondern um ein völlig neues Verständnis von Balance für das Pferd, das , wenn es reell erarbeitet wird, Jahre dauern kann.

 

 


Das junge Pferd findet mentalen Halt vor allem in der Herde. Im Laufe der Zeit gilt es, diesen Halt durch die Hilfengebung des Menschen zu ersetzen. Dann erst kann es durch diesen neuen Halt in eine Haltung gebracht werden. Das geschulte Pferd lernt also Hilfen, nicht eine Form.



Die Frage nach dem Vorwärts-Abwärts, Vorwärts-Aufwärts, der Aufrichtung oder seitlichen Stellung des Genickes- sobald der Mensch diesen Prozess manipuliert, ist er für das Pferd nicht mehr ehrlich: die Aufrichtigkeit fehlt.

 

Haltung hat also auch etwas mit Wert zu tun. Wertvoll ist nur, was der inneren Überzeugung und nicht der äußeren Form entspricht. Werte, die man verteidigen muss, sind keine inneren Überzeugungen, die man ganz selbstverständlich leben würde. Eine Haltung, die nicht wertvoll ist, kann nicht aufrechterHALTen werden.


Der Körper muss für das Pferd nützlich sein, dass es sich selber stolz und schön fühlt, muss das Ziel jeder Ausbildung im Sinne des Pferdes sein. Nyx, 22 Jahre alt, im Spiel mit seinem Bruder Finn, 12 Jahre alt.


Hier kommt erneut die Hand des Ausbilders ins Spiel: mit ihrer Hilfe lasen sich verschiedene Dinge zum Thema Haltung des Pferdes überprüfen .So würde das Hingeben des Zügels , das sogenannte „Überstreichen“ sofort beim Pferd mit erzwungener Haltung dazu führen, dass es diese verliert oder das Tempo und sogar Takt sich verändern, während ein Pferd, das hinter der Hand oder über der Hand wäre, sich nicht mehr suchend an die Hand des Ausbilders dehnen würde. Von Holleuffer führt hierzu weiter aus: „Tritt dasselbe ohne Aufenthalt sofort weiter, so besteht kein Halten am Erdboden, keine Haltung, es eilt vorwärts oder es übereilt sich. Die Haltung ist am vollkommensten, wenn während derselben die Hanken- und Sprunggelenke in spitzem Winkel sich beugen, die Fesselgelenke sich rückwärts-abwärts senken und die Kruppe niedriger wird.“

 

Nur dann, wenn das Pferd sich mit dem „Motor Hinterhand“ selber Halt zu verschaffen lernt, kann es lernen, Halt in sich selber zu finden- eine Reifeprozess von Körper und Geist. Xenophon beschreibt diese Haltung , entstand aus einem Kultivierungsprozess mittels erarbeiteter Hilfen dann so:“ Es muss also auf ein gegebenes Zeichen ( eine entsprechende Hilfengebung) die Übung gern tun und kann sich dann auf das Schönste und herrlichste zeigen. Auf solchen Pferden werden selbst Götter und Heroen reitend gemalt und die Männer , welche gut mit ihnen umzugehen wissen, sehen prächtig aus. Und in der Tat ist ein solches Pferd etwas so Schönes, Bewunderns- und Staunenswürdiges, dass es in aller Zuschauer Augen, sowohl junger, als auch älterer auf sich zieht. Daher wird keiner müde, es anzuschauen, solange es sich in seiner Pracht zeigt.“

 

 

 


Es geht nicht darum, etwas mit dem Pferd tun zu können, sondern darum, dem Pferd dabei zu helfen, etwas tun zu können.Finn im Redopp am Kappzaum.


In der fortgeschrittenen Arbeit mit dem Pferd hat man hier ein weiteres ganz wichtiges Werkzeug zur Überprüfung der Selbsthaltung des Pferdes: das Descenté de Main, das „Fallenlassen der Hand“.

 

Auf zwei Arten, erklärt Gueriniere, könne dieses Mittel zur Balanceüberprüfung des Pferdes geschehen: „ Die erstere, als die gewöhnlich und gebräuchlichste, geschieht durch das Niedrigerwerden der Zügelhand[ die linke Hand des Reiters, der die Kandarenzügel einhändig führt], wie ich schon gesagt habe. Die zweite Art ist: man ergreift  über der linken Hand die Zügel mit der rechten Hand , und, indem man die Zügel in der linken Hand etwas losläßt, läßt man das Gefühl des Mundstücks in die rechte Hand übergehen; zuletzt , da man die Zügel , die in der linken Hand waren, ganz fahren läßt, läßt man die rechte Hand auf den Hals des Pferdes sinken, und das Pferd befindet sich alsdann ganz frei und los. Diese letztere Art mit der Hand nachzugeben, wird das Sinken der Hand genannt ( descenté de main) .“

 

Das Gefühl für das rechte Timing, das Taktgefühl, erklärt er, spiele hier die größte Rolle: „ Dieser Zeitpunkt , der sehr genau zu treffen ist, ist eine der feinsten und nützlichsten Hülfen in der Reitkunst;  denn da das Pferd in dem Zeitpunkt, wo man ihm ganz nachgiebt, die Hanken biegt, so muss es nothwendig leicht in der Hand bleiben, da es nichts hat, worauf es seinen Kopf lehnt.“

 

In diesem Moment ist das Pferd in seinem Körper und Geist in völliger Balance, was sich in völliger Selbsthaltung äußert. Der Rahmen, in dem sich das Pferd zu diesem Zeitpunkt bewegt, ist seinem Ausbildungsstand angemessen. Ob es den Kopf höher oder tiefer trägt hat allein mit seiner ihm eigenen Fähigkeit sich von der Hinterhand ausgehend zu tragen zu tun, in diesem einen, speziellen Moment der Ausbildung. Nichts ist so veränderlich und so kostbar wie völlige Balance, eben deswegen, weil sie so flüchtig ist.

 


" Verweile doch, Du bist so schön"- Balance ist kostbar, weil sie flüchtig ist. Sie ist die Abwesenheit von allem Störenden.


Da wir Menschen nun einmal so sind, wie wir sind und Optik und Wert nicht immer voneinander unterscheiden können, ist es nur logisch, dass der Laie die Optik zu kopieren versucht, ohne den Wert verstehen zu können. Allein durch Beobachtung, auch Empirismus genannt, kann da schnell Ursache und Wirkung verwechselt werden:

 

"Die Haltung fängt am Kaumuskel und der Zunge an. Mit ihnen öffnet der Reiter das Schloß zur zwanglosen Ganaschenbiegung und damit zum Treten durchs Genick. Denn am Unterkieferast, mitten im Aktionsgebiet des Kaumuskels, setzt die Sehne des Brust-Kiefer-Muskel und mit ihm der Schulter-Zungenbein-Muskel an. Nur mit der Zwanglosigkeit dieser Muskeln ist die reiterliche so wichtige Durchlässigkeit im Genick möglich, ohne die wiederum es keine Losgelassenheit und keinen zweckmäßigen Einsatz der Nackenmuskulatur gibt. .....
Wir müssen die Haltung genau so wie die Führung von hinten nach vorn aufbauen, Kopf und Hals sind das letzte, was sich der Form aus einem Guß anpaßt. Diese Haltung kann man vom Pferd erst verlangen, wenn alle Schlaffheit überwunden ist, die Muskeln so gestählt sind, dass es sich auch wirklich tragen kann. Haltung hat auch etwas mit Halt zu tun. Nur ein muskulöser Körper hat Halt in sich, hat innere Festigkeit. Es ist alles ganz genau so wie beim Menschen, wie es besonders bei Reitern sein sollte. Die Haltung kann deshalb niemals etwas Primäres sein, was man für sich allein formen kann, sondern etwas Sekundäres, was sich im Laufe der Ausbildung folgerichtig von selbst entwickelt." ( U. Bürger)

 


Von der Antike bis ca. zum Jahr 1800 gehörten Reitkunst, Hufbalance und Gebisskunde immer  zusammen. Nach Napoleon änderte sich das. Hier eine Ausgabe der Schrift Grisones aus 1571.


Eine Haltung also, ein „ Halt am Erdboden“, eine Bodenhaftung, ein bodenständiger Standpunkt, sollte dem Pferd mehr und mehr nutzbar werden, wenn wir es ausbilden. Je geringer die Unterstützungsfläche , desto anfälliger die Balance. Nur dann, wenn das Pferd sich mit voller Kraft gegen unsere Einwirkung wehren KÖNNTE, es aber nicht mehr MÖCHTE, kann man wirklich von einem gemeinsamen Verfolgen eines Ziels sprechen. In der Möglichkeit der Wahl des Pferdes liegt die Qualität der Antwort.

 

Die Arbeit in der Hohen Schule ist dann das ultimative gegenseitige Versprechen, dass der Mensch das Pferd nicht mehr aus der Balance bringt, während das Pferd seine volle Kraft niemals mehr gegen den Menschen einsetzen würde. Dann erst ist sie die Krone der Ausbildung, weil sie eigentlich die sichtbare Haltung der inneren Zuneigung zueinander ist.

 

" Wisse, wenn Dein Pferd in der rechten ‚Haltung ist, dann bedarfst Du keiner Rute , um ihm zu helfen, sondern nur um die Hand gerade so zu halten, wie Du den Degen im Gefecht trägst; auch hast Du dann keine Veranlassung, die Stimme zu gebrauchen, noch mit den Schenkeln zu quetschen, noch mit dem Leib, den Händen, Hüften, Knien, Schenkeln, Hacken seiner Ungeschicklichkeit abzuhelfen; sondern sitze so richtig, wie ich es Dich gelehrt habe; denn schon die geringste Andeutung einer Hilfe, des Zaumes oder der Sporen läßt es jede Regung Deines Herzens erkennen, und bei jeder Bewegung , die es tut, wird es Dich begleiten , und Du schmiegst Dich seiner Bewegung an, so dass es stets Zeit und Maß einhält; und in den Augen der Zuschauer wird es scheinen, als ob es und Du wäret: ein Körper, ein Sinn und ein Wille."
Fredrico Griso "Grisone"