Der Schritt- die "Mutter aller Gangarten"

Der Schritt ist so störanfällig wie keine andere Grundgangart. In ihr sehen wir als erstes und auch am deutlichsten, wenn   die Rückentätigkeit des Pferdes nicht so ist, wie sie sein sollte.


Der Schritt- die schwierigste Gangart?!

 

 

 

Jedes Pferd besitzt von Natur aus sogenannte Grundgangarten. Diese haben, je nach Veranlagung, Ausbildung  und Exterieur entweder eine mehr laterale ( gleichseitige ) oder diagonale ( wechselseitige ) Ausprägung.  Da beim ungeschulten und auch beim Campagnepferd oftmals der Schritt die Gangart ist, der mit dem geringsten Tempo verbunden ist, fällt dem Betrachter diese individuelle Schrittfolge auf.

 

Nach dem Antreten, welches ein Pferd sowohl mit einem Vorderfuss, als Hinterfuss beginnen kann, je nachdem wie es steht, geht der Schritt in eine gleichmäßige Bewegung über. In den einzelnen Schrittphasen sehen wir dann ein Abfussen des Vorderfusses, worauf ein Auffussen des gleichseitigen Hinterfusses folgt. Wir haben also eine kurze Phase, in der das Pferd eine gleichseitige, also laterale Stützbeinphase hat.

 

Danach fußt das wechselseitige, diagonale Hinterbein ab, wir haben eine kurze diagonale Stützbeinphase. Auf die Diagonale folgt wieder eine Laterale, nun auf der anderen Seite. Wir erhalten einen deutlich hörbaren Viertakt.

 

Durch die Abwechslung lateral-diagonal muss die Wirbelsäule des Pferdes ein Maximum an Schwingung leisten können, sie wird in ihrer Rotationfähigkeit maximal gefördert. Nur dann , wenn diese Schwingungen frei durch die Wirbelsäule in dreidimensionaler Richtung fließen können, nur dann können wir von Schwung sprechen. Schwung ist also die Abwesenheit von Spannung- vom Reiter erzeugt oder im Pferd vorhanden.

 

Taktreiner Schritt: Ein diagonales Beinpaar befindet sind in der Schwebe, ein Paar befindet sich am Boden.

Sehen wir jetzt im Schritt eine Unregelmäßigkeit in diesen Fussfolgen, meistens handelt es sich beim Reitpferd um eine Lateralverschiebung in Richtung Pass, obwohl das Pferd ursprünglich keine Passveranlagung hatte, dann müssen wir davon ausgehen, dass die Diagonalphase, die elementar für das Pferd ist, um gesund im Rücken schwingen zu können, nicht mehr vorhanden ist. Schwung ist nicht mehr möglich; wir haben anstatt eines Rückengängers einen Schenkelgänger erzeugt. Wir haben Spannung statt Schwung.

 

Wir sehen also: unsere Arbeit mit der Wirbelsäule findet ihren Niederschlag in einem Auf-und Abfussen der Beine- im Takt.

 

Wollen wir ein Pferd in einer Reitbahn arbeiten, dann arbeiten wir immer auf einem mehr oder weniger großen Zirkel. Um auf diesem Zirkel gesund laufen zu können, also so laufen zu können, wie es die Anatomie des Pferdes von der Natur aus vorgesehen hat, dann müssen wir in der Wirbelsäule eine Biegung , verursacht durch eine Rotation der Wirbelsäule, erzeugen. Nur dann, wenn die Beine des Pferdes in allen Gelenken ohne eine Drehbewegung auf - und abfussen können, kann diese Bewegung dem Pferd Nutzen bringen anstatt es zu verschleißen. Die Beine müssen also gerade aus dem Rücken „fallen“.

 

Diese Biegung, je nachdem ob wir mehr versal (schulterhereinartig) oder traversal ( kruppehereinartig) arbeiten, verstärkt mal die diagonale Phase, mal mehr die Laterale.  

 

In der schulterherinartigen Arbeit wird die Diagonale inneres Hinterbein-äußeres Vorderbein geschult

Da wir das Pferd zuerst in Takt und Form  schulen wollen, muss unser erstes Bestreben sein, die Diagonalphase des Schrittes zu verstärken und/ oder wiederherzustellen. B.H. von Holleuffer sagt dazu in seinem Werk von 1882 : „Das ganze und einzige Ziel der sogenannten alten Reitkunst war und besteht noch- die geborenen Rückengänger zu konservieren, mässige vermehrt auszubilden und reine Schenkelgänger zu Rückengängern umzuwandeln, denn sämtliche Lektionen und die sogenannten hohen Schulen bezwecken nichts anderes, als das Pferd schwunghaft zu machen.“ ( Die Bearbeitung des Reit-und Kutschpferde zwischen den Pilaren“) . Nur dann, wenn die Diagonalphase des Pferdes so lang wie möglich ist, ist es ihm auch möglich, seine Balance auf diesen beiden Beinen auf der Kreisbahn zu finden. Nur dann, wenn also das innere Hinterbein den gleich langen Weg zurücklegt auf der Kreisbahn wie das äußere Hinterbein, kann ein Pferd geradegerichtet sein.

 

 

 

Nur dann, wenn das Pferd geradegerichtet ist, kann es in allen Strukturen vorwärts schwingen und seine volle Kraft einsetzen.

Die Idee der Verstärkung der Diagonale findet sich in den meisten Reitlehren. Der Weg, dieses Ergebnis zu erzielen, ist jedoch ganz unterschiedlich.

 

Arbeiten wir vorherrschend in der Gangart Schritt selber, ist dies nicht in allen Ausbildungskonzepten so. In einem Artikel der Mitgliederzeitschrift PM Forum ( Ausgabe 3/ 15) von Christoph Hess, Ausbildungsbotschafter der FN, können wir lesen, dass man durch Trabarbeit und Übergänge vom Galopp in den Trab ebenso in der Lage ist, das Pferd diagonaler zu arbeiten. Der Schritt selber wird nicht zur Gymnastizierung eingesetzt, sondern ist das Produkt richtiger, guter Arbeit in den anderen Gangarten. „ Einen guten Schritt entwickelt der Reiter über richtiges Reiten in den Grundgangarten Trab und Galopp. Das heißt, nur aus gutem Reiten kann sich auch ein guter Schritt entwickeln“, so C. Hess.

 

Borries von Oyenhausen , ein Schüler des berühmten von Weyrother in Wien, hingegen schreibt in seinem Werk   „ Gang des Pferdes und Sitz des Reiters“   ( Wien, 1869) :  „ Es wird dem aufmerksamen Leser die Ähnlichkeit zwischen der Fussfolge Schritt und Galopp nicht entgangen sein; “ - im Galopp ist eigentlich also ein Schritt vorhanden. Besonders auffällig wird dies im Schulgalopp, der ebenso wie der Schritt einen Viertakt hat und bei dem, wie im Schritt die Schwebephase entfällt. So sieht Oyenhausen den Schritt als die „Mutter aller Gangarten“ , den es um allen Preis zu kultivieren gelte.

 

Eine gute Galopppirouette wird in vier Takten gearbeitet. Ebenso wie der Viertakt Schritt ist auch der Schulgalopp viertaktig und ohne Schwebephase.
Fohlen Glenmorgan Just Amazing macht vor, wie es geht.

Pluvinel, Newcastle , Gueriniere und Andrade ( um nur einige Alte Meister aus Renaissance und Barock zu nennen) beschreiben den Schritt als eine zweitaktige Bewegung mit diagonaler Fussfolge: für sie gibt es nur den Schulschritt. Die Laterale wird völlig unterdrückt, der Rückschub des Hinterbeins wird zugunsten von Tragkraft und mehr „Vorwärts“ im reiterlichen Sinne durch ein früheres Abfussen beseitigt und das Pferd beugt die Gelenke der Hinterhand ( Hankenbeugung) . Eisenberg kennt sogar verschiedene Möglichkeiten der Ausführung des Schulschrittes,  so gibt es bei ihm einmal die passageartige Arbeit im Schulschritt, oder aber auch die piaffenartige Arbeit ; er spricht von neapolitanischer oder iberischer Versammlung.

 

Bei der Arbeit mit dem Schulschritt muß man jedoch vorsichtig sein, denn neben der Möglichkeit des diagonalen Taktes gibt es für das Pferd eben auch die Möglichkeit der lateralen Fussfolge- wir wären wieder beim Thema Schenkelgänger und hätten den Schwung zerstört.

 

So beschreiben viele Alte Meister ab der napoleonischen Zeit und der Trennung der Reitkunst in die Militärreiterei und die Schulreiterei die Versammlung im Schritt als „gemessenen Schritt“, „gezählten Schritt“ oder „erhabenen Schritt“ .  Der diagonale Schulschritt im Sinne Guerinieres und Pluvinels wurde meistens nicht mehr gearbeitet, die Zucht der Pferde stellte sich immer mehr um auf den Vollblüter, der eine ganz andere Gangmechanik hat als der vorher bevorzugte Berber oder Iberer.

 

 

 

Schulschritt: diagonaler Zweitakt mit gebeugten Hanken

Gänzlich vergessen war der Schulschritt jedoch nicht, wir finden ihn erwähnt bei Bernhard Hugo von Holleuffer . Gleich seinen Vorgängern in der italienischen Renaissance ( zB Fiaschi) setzt von Holleuffer Ende des 19. Jahrhunderts den Takt der Bewegung des Pferdes mit der Musik gleich. Ein guter Schritt sollte im Viertakt, „ 4/4 Takt , moderato “ sein. Nur dann, wenn dieser Rückenschwung erreicht sei, von dem wir nun wissen, dass er sich im Takt hörbar macht, sei „Musik im Pferd“. Interessant auch die Beschreibung der Abfolge des Schrittes in seinem Werk „ Die Bearbeitung des Reit-und Kutschpferdes zwischen den Pilaren“ ( Hannover , 1882): „Jeder einzelne Schritt teilt sich in vier Momente ( Zeiten) und zwar 1) in das Aufheben, 2) in das Vorwärtsstrecken, 3) in das Niedersetzen und 4) in das Verweilen ( Halten ) am Erdboden, ein.

 

Das Verweilen ist ein sehr wichtiger Moment, dessen Dauer der Reiter durch die Dressur in seine Gewalt bekommen muss; in dieser Dauer liegt die Haltung des Pferdes. […] Im Schritt hebt das Pferd zwei einander entgegengesetzte Füsse in einer Weise auf, dass der Vorderfuss etwas früher als der Hinterfuss gehoben wird und dass die Reihenfolge bei dem Niedersetzen dieselbe bleibt; sobald das letztere stattgefunden hat, heben sich die beiden anderen Füsse in gleicher Reihenfolge.“

 

Er ist, auch in der Technik der Arbeit zwischen den Pilaren, im Vergleich zu vielen anderen Autoren seiner Zeit, nah an den Lehren Pluvinels, bei dem wir zumindest zu Anfang der Ausbildung viele Parallelen zu Holleuffer- oder eher andersherum- finden. Jedoch hatte Holleuffer es mit einem ganz anderen Typ Pferd zu tun .

 

Pluvinel arbeitete den Schritt mit den diagolen Beinen zwischen den Pilaren. Er bevorzugte iberische oder Berberpferde.

War vorher „nur“ der Takt das Problem, befasste man sich reithistorisch so um seine Zeit herum gesehen zum ersten Mal dem Thema „Losgelassenheit“ . War beim neuen Typ Pferd, dem blutgeprägten, eleganteren Reitpferd der Offiziere offenbar der Viertakt im Pferd schon schwierig genug, verliert sich der zweitaktige Schulschritt spätestens mit den zwei Weltkriegen. Bei Seunig lesen wir dann in seinem Werk „ Von der Koppel zur Kapriole“  ( erschienen 1943) über den Schulschritt: „ Die bei erhöhter Versammlung sich verschmälernden Basen, auf denen die stützenden Beine schreiten, steigern Bewegungsfähigkeit und Wendigkeit des Pferdes, wodurch sein Sekundengehorsam auf die leisesten Andeutungen gesichert wird. In diesem Stadium der Ausbildung wird das Pferd auch aus gesenkter Hinterhand in hoher aufrichtung durch das gelöste Genick sicher an die Hand herantreten und der Takt der erhaben und in reinem Viertakt fußenden, in allen Gelenken geschmeidig gebogenen Beine wird den Fleiß erreicht haben, der den schulmäßig versammelten Schritt zum wirklichen Schulschritt- einer der allerschwierigsten Lektionen- macht. “

 

Der Schritt ist die Gangart, die das Pferd in der Natur meistens wählt, um sich fortzubewegen. Viele Stunden am Tag geht es im Schritt und bewegt seinen gesamten Körper so, wie es diese Gangart verstanden hat und umsetzen kann. Umso wichtiger ist es also für uns, um die Störanfälligkeit der wichtigsten aller Grundgangarten zu wissen und den Schritt so zu kultivieren, dass das Pferd von unserer Arbeit den größten Benefit für seine naturgegebene Bewegung hat, seine Lebensqualität und Bewegungskompetenz steigern kann. Dann haben wir das Ziel unserer Ausbildung erreicht!

 

 

Stefanie Niggemeier

 

Barocke Pferdeausbildung

 

Das Ziel unserer Ausbildung: ein bewegungsfreudiges Pferd im Vollbesitz seiner Kraft

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