"Wollen" hat keinen Imperativ

Volle Konzentration bei durchhängendem Zügel und minimaler Hilfengegung: wenn das Pferd hier nicht mitarbeiten möchte, ist alles Können des Menschen wirkungslos.
Volle Konzentration bei durchhängendem Zügel und minimaler Hilfengegung: wenn das Pferd hier nicht mitarbeiten möchte, ist alles Können des Menschen wirkungslos.

Der Reitsport ist dieser Tage in die Kritik gekommen. Immer wieder sehen wir Bilder von den Abreiteplätzen, auf denen Pferde mit blauer Zunge, offenem Maul oder aber komplett verschnürtem Zaum laufen, der Sporeneinsatz schon vom Hinsehen schmerzt oder grob am Zügel gerissen wird, um die sogenannte "Rollkur" ( Low-deep-round) zu erzwingen.

Von Harmonie keine Spur.

 

Von diesen Bildern fühlen sich viele begeisterte Pferdebesitzer abgeschreckt und suchen nach Alternativen. Nach Wegen, wie sie die gemeinsame Zeit mit ihren Pferden verbringen können und diese pferdegerecht ausbilden können.

 

Die Lehren der Alten Meister scheinen da eine hervorragende Alternative zu sein. In scheinbar müheloser Leichtigkeit zeigen Reiter und Pferd Lektionen, die einem Tanz gleichkommen und an Akrobatik, Körperkraft und Anmut nicht zu überbieten sind. Gleich einem Zentauren der griechischen Mythologie verschmelzen Mensch und Pferd zu einer harmonischen Einheit. Kommt dann noch das passende "Outfit" für Pferd und Reiter dazu, hat man das Gefühl, selber Teil dieser lange vergangenen Welt zu werden.

 

Doch dann kommt aus anderen Lagern schnell die Kritik: bei Wikipedia lesen wir von der "französischen Gewaltschule", wir sehen scharfe Gebisse, Hilfszügel und dazu Lektionen , die das Pferd in der Natur nur unter großer Spannung und Erregung zeigen würde.

 

Naheliegend ist da also der Gedanke, dass diese althergebrachten Methoden auch nur dazu dienen, die Pferde zu knechten und sie "gangbar" zu machen.

Gemäß dem Motto: " Ich zwinge das Pferd mit Hilfe von Gewalt dazu zu laufen, ich zwinge es mehr, dann läuft es besser" sehen wir genau dieses Bild ja heute oft genug wie oben beschrieben im Sport- was also ist der Unterschied zur Reitkunst?

 

Der große und elementare Unterschied zwischen Reitsport und Reitkunst liegt im Grundverständnis des Wesens Pferd: dient der Sport vorrangig der körperlichen Ertüchtigung, schult die Reitkunst neben dem Körper des Pferdes vor allem den Geist. So liegt die Kunst nicht etwa darin, dem Pferd bestimmte Bewegungsabläufe anzutrainieren oder sie abrufbar zu machen, mit dem Pferd "Tricks" zu turnen.

Die Kunst in der Reitkunst liegt darin, Geist und Körper des Pferdes so zu schulen, dass es ihm möglich wird, diese hochkomplizierten, anstrengenden, Kraft erfordernden Bewegungsabläufe auszuführen, während das Pferd in einem mentalen und körperlichen Entspannungszustand ist. Denn nur so ist es für das Pferd gesund.

Um diesen Zustand zu erreichen, muß man zuerst einmal das Pferd als eigenständige Persönlichkeit wahrnehmen und es entsprechend seiner Anlagen , Möglichkeiten und Bedürfnissen ausbilden. Das haben auch die Alten Meister gewußt , die sich, im Kontext ihrer Zeit, aus täglicher Erfahrung mehr als bewußt waren, dass der Erfolg ihrer Ausbildung vom "Good Will" der Pferde abhing. Dass nicht der Beifall von der Bande, sondern der Wille zur Kooperation des Pferdes der Gratmesser ihres Könnens war. Dass sich die Schulen, heute würde man sagen Lektionen der Hohen Schule nur arbeiten lassen, wenn das Pferd es will. Das Wort "wollen" hat keinen Imperativ, es muss freiwillig erfolgen.

Menschen, die denken, dass diese Ausbildung mit Zwang oder Gewalt gegen den Willen des Pferdes geschehen kann, werden niemals erfahren, was Harmonie bedeutet. Der Zentaur Chiron, der seine Unsterblichkeit freiwillig gab, ist deshalb ein so großes Vorbild noch in der heutigen Zeit, weil dieses "Geben", dieses "Wollen" eine absolut selbstlose Tat ist.

 

Erst dann, wenn wir es uns verdient haben, dass sich das Pferd, um die Schulen der Hohen Schule reell auszuführen uns schenkt, erst dann haben wir verstanden, wie es sein kann, eine Einheit zu sein. Ein Wesen, ein Herz, das für die gleiche Sache schlägt.

Sport ist für den Körper da, Kunst aber berührt die Seele. Das haben die Alten Meister gewußt und das ist ihr eigentliches Vermächtnis.

 

 

Stefanie Niggemeier

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Kommentare: 2
  • #1

    Karin (Kelly) (Donnerstag, 02 April 2015 15:31)

    Hallo Stefanie, auf der Suche nach Klassischer Bodenarbeit bin ich auf Deiner Webseite gelandet. Ganz tolle Artikel und Fotos. Ich bin begeistert und werde sicherlich noch öfter hier stöbern und lesen. Danke für die vielen Informationen.
    Liebe Grüße. Karin (Kelly)

  • #2

    barocke-pferdeausbildung (Freitag, 03 April 2015 22:26)

    Hallo Karin, vielen lieben Dakn für Deine Worte, du bist herzlich eingeladen, jederzeit wiederzukommen und vielleicht lernen wir uns ja auch einmal persönlich kennen.

    Viele Grüße,

    Stefanie