Das Aspirin der Reitkunst 2

Um eine Schulter zu heben, braucht es Kraftübertragung aus der Hinterhand. Wie solche Kräfte erzeugt, gleitet und genutzt werden können, damit haben sich die alten Meister intensiv beschäftigt.

Das Schulterherein gilt heute als das " Aspirin der Reitkunst". Tatsächlich aber werden durch die falsche Anwendung die Pferde mit kaum einer Lektion so sehr verdorben, wie mit einem falschen Verständnis von Arbeit in den Seitengängen. Anstatt durch ein Ganzkörperorganisationsmuster, wie es in der modernen Sportwissenschaft bezeichnet wird, zu immer mehr Balance und Bewegungskompetenz zu führen, nimmt ein falsches Schulterherein durch ein Entkoppeln einzelner Körperteile oder -bereiche dem Pferd die Kraft und damit die Fähigkeit zur ökonomischen Bewegung.


Zu Zeiten Guerinieres ritt man ein Pferd mit dem Kopf an eine Schranke oder Mauer, um das Pferd zum Überschränken der Beine- daher das Wort auch heute noch in unserem Sprachgebrauch-  zu bringen. Er warnt ausdrücklich davor, weil das Pferd sich dabei selber verletzen kann.

Interpretiert man die Anweisung Guerinieres falsch, mit dem inneren Zügel die Hilfe zur lösenden Stellung im Genick zu geben ( siehe : Das Aspirin der Reitkunst 1 ), dann kann es leicht passieren, dass das PFerd aus der Balance gerät und auf die äußere Schulter fällt. Andrade beklagt dieses Problem an mehreren Stellen in seiner 1792 erschienenen " Luz da lieberal e nobre arte de Cavalleria"



Abgesehen von einer viel zu übertriebenen und falschen Halsbiegung ist der häufigste Fehler eine zu starke Belastung der äußeren Schulter.

  • Letzteres kann verschiedene Ursachen haben: Ist das innere Hinterbein nicht in der Lage, zu tragen und ist aufgrund des Balanceverlusts in der Schubphase verstärkt?
  • Will das Hinterbein lieber als Hebel statt als Sprungfeder reagieren, weil die Faszien die Gelenke aus Stabilitätsgründen steif halten wollen?
  • Ist bei der Kraftübertragung über den Rücken eine Festigkeit vorhanden, die den Energiefluss stoppt? Oder zu wenig Festigkeit und Energie geht verloren?
  • Kann das äußere Hinterbein im Moment des Vorarbeitens des inneren Hinterbeins das Mehr an Last aufnehmen das ihm zugeführt wird? Auf der Geraden? Auf der Kreisbahn?
  • Findet eine Rotation im Brustkorb statt, die die Vorderbeine taktmäßig bewegt?(Vorsicht: gerade Iberer können als komplette Schenkelgänger in Schritt und Trab optisch taktrein fußen!) Geht die dreidimensionale Schwingung der Wirbelsäule durch alle Gelenke, ausgehend vo den Hinterfüßen, bis hin zum Genick/ Kiefer/ Zungenbein des Pferdes?
  • Tritt das PFerd wirklich diagonal, also sind das Beinpaar inneres Hinterbein- äußere Schulter gleichzeitig in der Luft? Entsteht so immer mehr ein diagonaler Zweitakt? Das ist der wesentlichste Inhalt dieser Lektion!
  • Wird der Brustkorb mittig zwischen den Schultern getragen oder nimmt das Pferd ihn mehr zu einem Vorderbein? Oder dreht es viellleicht ein Vorderbein so, dass dieses den Bruskrob stützen will, indem es die Schulterblattspitze zum Rumpf dreht? Oder das Ellenbogengelenk mehr an den Rumpf zieht?


Wo entsteht das Problem und wie kann dem Pferd hier geholfen werden und was ist lediglich das Symptom?


Kraft kann nur ein Bein erzeugen, das unter dem Körper ist. Das hört sich logisch an, ist aber gerade in der Arbeit mit den Seitengägnen ein Problem, wenn man den Gedanken an "Seitwärtsgänge" hat

Auch der Rahmen, in dem gerabeitet wird, ist wesentlich zur Balancefindung in einem echten Seitengang. Spricht Gueriniere in seinem ersten Werk " Ecole de Cavallerie" davon , das Schulterherein " au petit pas lent et peu raccourci" ( " in einem kleinen Schritt und ein wenig versammelt" )zu arbeiten, konkretisiert er in der Neuauflage , dem 10 Jahre später erschienenen " Manuel de Cavallerie", das Schulterherein solle in der  "passage", dem Spassegio, also dem diagonalen Schulschritt der alten Meister gearbeitet werden. Deswegen betont er das so, weil Diagonale, Schulterherein und Versammlung untrennbar miteinander verbunden sind.



Die Hilfen, bei den Alten Meistern auch "Vortheil" genannt (nach dem Podest, von dem aus schon dem jungen Pferd im Stand ein Hilfenverständnis vermittelt wurde) müssen schon ihrem Namen nach dem Pferd immer einen Vorteil bringen. Sinnlos ist es, zB das Schieben eines Hinterbeins mittels der Einwirkung eines äußeren Zügels korrigieren zu wollen, weil zwar die optische Form vielleicht die selbe sein mag, neurologisch aber natürlich Unterschiede in der Bewegung der Vordergliedmassen und der Hintergliedmassen liegen. Soll das Pferd Köperintelligenz lernen, muss darauf geachtet werden, dass die Einwirkung in diesem Sinne zum Vorteil geschieht und nicht um einer Optik Willen. Das ist schon in der Basisarbeit mit dem Pferd von immenser Wichtigkeit .

Das Jungpferd wird am " Vortheil" gearbeitet. Das bringt so viel Benefit, dass derjenige, der den " Vortheil" zu nutzen wußte, schließlich dem Mitstreiter, Kollegen oder Kontrahenten überlegen war. Das ist der Grund, warum wir heute das Wort Vorteil mit seiner Bedeutung in unserer Sprache führen.

Auch heute ist das eine sehr effektive Praxis!


Später in der Ausbildung, in der Galopparbeit, rächt sich dann diese falsch andressierte Übung: sie wird zum Passgalopp führen, bei dem das äußere Vorderbein vor dem inneren Hinterbein auffußt.

Deswegen muss sich wie alle andere Arbeit auch der Nutzen der Lektion " Schulterherein" an ihrem Benefit für das individuelle Pferd messen lassen. Wollen wir bewerten, ob unsere Arbeit sinnvoll war, müssen uns die Grundgangarten des Pferdes als Indikator gelten. Diese müssen sich verbessern, taktmäßiger, kadenzierter, runder, harmonischer- schlicht: schöner werden und zwar, wie schon Xenophon betont " so, wie das PFerd sich in den augen anderer Pferde schön fühlen würde." Künstliches hat hierbei keinen Raum. So sind geschulte Gangarten niemals künstliche Gangarten, sondern Grundgangarten besonders guter Qualität. Und das ist das Schwierige daran...


" Natura non artis opus", der große Wahrspruch der Renaissance. Die Nautr muss auch in der Pferdeausbildung das Mass aller Dinge sein. Kunst darf niemals künstlich werden.

Wie macht es das Pferd, wenn es sich als Pferd bewegt, ohne Beeinflussung durch eine Tätigkeit des Menschen? Das ist seine Natur! Das müssen wir beobachten, um über dieses PFerd und seine Vorstellung von Balance zu lernen.


" Der Nutzen der Lektion: Schulter herein ist in der Reiterei allgemein anerkannt worden, dass sie aber, wie der Erfinder sagt, die schwerste sein soll, wird wahrscheinlich viele Reiter befremden, weil sie das vielleicht nie haben finden können.
Sie ist alsdann für den Reiter und für das Pferd nur schwer, wann sie in der richtigen Ordnung gemacht wird. In den falschen Stellungen und Bewegungen wird sie leichter , hat aber auch die nachteiligsten Folgen.Und in dieser Rücksicht kann sie die nützlichste und die schädlichste Lektion genannt werden." L. von Hünersdorf, 1806