Das Aspirin der Reitkunst- Teil 1


Das "l`epaule en dedans"- eine der bekanntesten und schwierigsten Übungen in der Reitkunst


" Wenn ein Pferd, sowohl im Zirkel, als auch auf gerader Linie , auf beiden Händen frei fort trabt, und bei den nämlichen Linien einen gelassenen gleichförmigen Schritt geht , wenn man es an Paraden, halbe Paraden , und den Kopf nach innen zu biegen gewöhnt hat, so muss man es alsdann in einem langsamen, wenig abgekürzten Schritt , längst der Mauer führen, und es dergestalt stellen, dass die Hanken eine Linie beschreiben, und die Schutern eine andere. Die Linie der Hanken muss nah an der Mauer und die der Schultern muss ungefähr anderthalb bis zwei Schuhe davon entfernt sein, wobei man es nach der Hand, worauf es geht , gebogen hält; nämlich, um mich noch deutlicher zu erklären, anstatt ein PFerd auf der geraden Linie, längs der Mauer, mit Schultern und Kruppe ganz gerade zu halten, so wendet man ihm den Kopf und die Schultern ein wenig einwärts nach dem Mittelpunkt der Bahne, so als wollte man wirklich ganz wenden, und wenn es in dieser schiefen und zirkelförmigen Stellung ist, so muss man es vorwärts längs der Mauer gehen lassen indem man ihm mit dem inneren Zügel und Schenkel hilft. Dieses kann nun in dieser Stellung platterdings nicht anders geschehen, als dass es schränken und sowohl den inwendigen Vorder,- als inwendigen Hinterschenkel über die äußeren setzen muss. Man kann dies leicht in der beigefügten Figur von der Schulter einwärts und in dem Grundriss derselbigen Schule ersehen, die die Sache begreiflicher machen werden." F.R de la Gueriniere, Ecole de Cavallerie, 1733 ( Übersetzung D. Knöll )
Dieses sind die originalen Worte Guerinieres, die im Nachhinein für so viel Diskussion und Verwirrung unter den Reitern sorgten.

Warum ist es so, dass das Schulterherein einerseits als Aspirin der Reitkunst gilt, andererseits aber erwiesenermaßen, falsch ausgeführt, so großen Schaden für die Ausbildung des Pferdes, aber auch seinen Körper anrichtet?

Wir müssen uns diesen Text in seiner Übersetzung genauer besehen, um mögliche Fehlerquellen in der Ausführung ausschalten zu können, damit unsere PFerde größten Benefit davon haben.

  • Guerinieres Reitbahn war bedeutend kleiner als heutige Reithallen oder Reitplätze: die gedeckte Innenbahn , in der auch die jungen Pferde ausgebildet wurden, mass ca. 8x12 Meter, die ungedeckte " große " Reitbahn ca. 10x 12 Meter. Es handelt sich hier nicht um einen Trab in einem großen Rahmen oder gar starken Trab, sondern um eine Bewegung, die wir heute mit einem " halben Tritt" beschreiben würden, einem versammelten Trab mit wenig Raumgewinn.

Die Arbeit " auf der Schule" also in der Reitbahn, erforderte grundsätzlich versammelte Gangarten. Große, freie Bewegungen ritt man im Gelände.Hier miene Schülerin Nicole mit Kaltblutstute Zira im Halben Tritt


  • Im französischen Original heißt es nicht " nach inen biegen". Die " Stellung " des Kopfes meinte nicht seitliche Stellung, sondern das, was wir heute mit " Beizäumung " betiteln: das Herbeibringen der Pferdenase in Richtung Pferdebrust,das automatisch dann vom Pferd- nicht der Hand des Menschen- so geschieht, wenn das Pferd die Oberlinie von den tätigen Hinterbeinen ausgehend löst und verlängert. Bei einem reell ausgebildeten Pferd sind Ohrspeicheldüse und andere Weichteile in diesem Moment in der Ganasche nicht sichtbar, er geschieht das, was wir " Hergabe des Genickes" nennen: ein freiwilliger Prozess.

Der Bereich der Ganasche zeigt, ob das Pferd sein Genick öffnen kann.

Das junge Pferd kann sich deswegen noch nicht beizäumen, weil ihm die Kraft im Rumpf fehlt, um die Oberlinie zu lösen. Seitliche Stellung oder Beizäumung zu erzeugen, indem am Zügel gezogen wird, wäre hier fatal, weil es die Bewegung der Wirbelsäule stören würde, Muskeln könnten gar nicht erst aufgebaut werden.


  • Der " langsame, abgekürzte Schritt" bei Gueriniere kennzeichnet den Schulschritt, den Schritt, der sich immer mehr in Richtung DIAGONALEM Zweitakt mit Hankenbeugung verschiebt ( " Schul"= mit Hankenbeugung) . Nur in dieser Bewegung ist das möglich, was man seit der Renaissance " Schränken" nannte, ein Überkreuzen der inneren Gliedmassen auf einer gedachten optischen Linie über die äußeren. Je kleiner der Rahmen in dem das Pferd gerade gearbeitet wird, desto mehr seitwärts kann es dabei treten, ohne aus der Balance zu kommen. So gibt s verscheidene Grade von Biegung, die immer deckungsgleich sein müssen mit den verschiedenen Graden von Versammlung. Je weniger das PFerd schiebt und je mehr es trägt, desto mehr kann es seitwärts gehen.

Die Arbeit um den Einzelpilaren war üblich zu Zeiten Guerinieres, wenn er selber auch darauf verzichtet hat. So wie hier in der " Volte Renversée" wird der Biegungsgrad immer bestimmt vom Versammlungsgrad

Die Bewegung des inneren Hinterbeins nach vorwärts-seitwärts hilft dem Pferd  seinen Schwerpunkt zu tragen, so dass die äußere Schulter entbunden werden kann. Hier entsteht eine Diagonale, oder, wie die alten Meister sagten " Das Pferd tritt über Zwerch"


  • die Hilfengebung von innerem Zügel und innerem Schenkel sind bei Gueriniere anders gemeint, als heute oft umgsetzt. Der Sitz seiner Zeit verlangte ein lang nah vorne- unten gestrecktes Bein- nicht überstreckt, aber auch auf keinen Fall im Knie gewinkelt oder gar mit Wade oder Ferse am Pferdebauch. Diesem wichtigen Thema widmet er viele Textstellen. Wichtig zu verstehen ist, dass das Bein nicht hochgezogen werden darf, da sich ansonsten der so wichtige Innensitz verliert und Biegung des PFerdes nicht möglich wäre. Ganz im Gegenteil: das Bein wird bewußt weiter sinken gelassen, so dass es im Steigbügel tiefer einfedert. " Absatz tief!" hieß das früher in der Reitschule- erinnern Sie sich?

Je länger das Bein, desto " zierlicher" saß der Reiter. Er saß aber auch sicherer durch die vergrößerte Auflagefläche von Oberschenkeln und Gesäß. Hier ein Stich von Ridinger


  • Gueriniere ritt nicht auf Trense er nutze Kandaren mit gebrochenen Mundstücken, die er einhändig führte. Wenn es also im Text heißt, es müsse mit der inneren Hand geholfen werden, dann bedeutet das keinesfalls, dass ein innerer Zügel in Richtung innerem Reiterknie oder gar Reiterbauch geführt werden darf, am Gebiss gefomrt oder gar gezogen werden soll, sondern beschreibt ein minimales Kippen der über dem Widerrist des PFerdes getragenen Zügelhand. Hierdurch legt sich das Leder des Zügels an den PFerdehals und gibt, wie ein Halsring, der Vorhand des Pferdes Führung. Guerniiere unterschiedet deutlich zwischen Zügelhilfe und Handhilfe, letztere kennzeichnet im Gegensatz zur Ersteren nicht das, wie der Zügel , also das LEder auf das Pferd einwirkt, sondern den direkten Kontakt von Menschenhand zu Pferdemaul.

Gebisse wie diese, die im Mundstück beweglich waren , waren üblich bei Gueriniere. Beim Annehmen wurden sie zur Stange, beim Nachgeben wirkten sie wie eine Trense. Würde man hier also am inneren Zügel ziehen, würde genau das Gegenteil geschehen von dem, was ein Pferd im Maul tun muss, um Stellung auf Biegung folgen zu lassen.

Wenn das Pferd im Hals zu sehr abstellt, wie hier zu sehen, ist ein reelles Heben des Rumpfes nicht möglich. Das Pferd kann nicht tragen.


Die Übung des Schulterhereins beschäftigt die Pfedewelt nun schon seit über 400 Jahren, denn es war schon über einhundert Jahre vor Gueriniere bekannt. Auf dem Weg, es zu erarbeiten, liegen so viele Tücken, dass viele Reitmeister davon gänzlich abrieten oder aber es mit äußerster Vorsicht anwandten...doch davon mehr im zweiten Teil dieses Artikels...